Die aktuelle Rechtslage in der Versicherungs- und Finanzbranche setzt die Richtlatte für Vermittler in fachlicher und auch persönlicher Hinsicht sehr hoch – und sie wird eher steigen, als fallen: Die Verbraucherschützer machen bereits mobil und bringen viele Versicherungskunden auf die Idee, Vermittler in Haftung zu nehmen. Scharen von jungen Juristen, die in den konventionellen Juristen-Karrierewegen keine Chance sehen, werden sich darauf spezialisieren, Beratungsfehler aufzudecken, um diese Versicherungskunden honorarträchtig zu unterstützen.
Abgesehen von den steigenden Haftungsrisiken wählen Kunden ihren Partner in Versicherungs- und Finanzfragen immer bewusster aus; im Moment zeigt sich deutlich, dass Vertrauen zum Vermittler entscheidend dafür ist, überhaupt noch Geschäfte zu machen. Und Vertrauen setzt in erster Linie Kompetenz voraus.
Angesichts des hohen Altersdurchschnitts sowohl von Maklern als auch gebundenen Vermittlern rollt ein großes Problem auf die Branche zu: Wie können die alters- und damit ruhestandsbedingt ausscheidenden Vertriebskräfte ersetzt werden?
Zwar gehen aktuelle Prognosen markt- und regulierungsbedingt von einem Rückgang der „notwendigen“ Vermittlerzahl aus; dieser Rückgang kann aber das genannte Ausscheiden zahlenmäßig nicht kompensieren. Damit stellt sich eine Schlüsselfrage für die Branche: Wie kommt die Branche an das geeignete Vermittler- beziehungsweise Beraterpersonal, das nicht nur verkaufen kann, sondern auch kundenorientiert beraten und vermitteln, rechtssicher dokumentieren, betreuen und regulieren sowie Kunden langfristig binden kann?
Ein Agentur-, Makler- oder AO-Unternehmen hat prinzipiell zwei Möglichkeiten, an Vertriebspersonal zu kommen, das dem Leitbild des Gesetzgebers entspricht und langfristigen Erfolg verspricht: Über den Arbeits- oder über den Ausbildungsmarkt. Will man über den Arbeitsmarkt an geeignetes Vertriebspersonal kommen, so könnte man wie folgt vorgehen:
Neue Mitarbeiter findet man eher, wenn man bei deren Ziel-Eigenschaftsprofil etwas flexibler ist, als in der Branche üblich; „Diversity Management“ erhält mittlerweile bei betrieblichen Personalauswahlverfahren ein deutliches Gewicht. Stellt man sich einen typischen Versicherungs- und Finanzvermittler vor, so ist dies ein sportlich und dynamisch aussehender Mann im dunklen Anzug zwischen 40 und 50 Jahren – selbstverständlich ohne Migrationshintergrund.
Dass dies aber keinesfalls ideal sein muss, belegen Erfolgsstorys von weiblichen Beratern und Vermittlern sowie Vermittler mit Migrationshintergrund; letztere können Kunden aus demselben Kulturkreis wesentlich erfolgreicher ansprechen. Auch ältere Mitarbeiter mit ihrem beruflichen Erfahrungsschatz können für den Vertrieb (wieder-)gewonnen werden – nur vielleicht mit einer anderen (zum Beispiel stressfreieren) Arbeitsorganisation und anderen Anreizsystemen. „Rennlisten“ sind dort nicht so geeignet wie beispielsweise touristisch interessante Incentivereisen.
Eine weitere Quelle für „neue“ Mitarbeiter wird oft nicht erkannt – obwohl sie eigentlich im Kundenbereich unter dem Stichwort Customer Relationship Management (CRM) langsam aber sicher Einzug hält und relativ gut auf den Mitarbeiterbereich übertragen werden kann: Mitarbeiter-Bindung und Mitarbeiter-Rückgewinnung. Wenn die eigene Vermittlerschaft gut behandelt wird, dann ist deren Motivation klein, sich abwerben zu lassen, das heißt man braucht neues Vertriebspersonal nur bei steigendem Geschäftsvolumen und zum Ersatz natürlicher Fluktuation wie dem Erreichen der Altersgrenze oder Arbeitsunfähigkeit (längere Krankheit, Unfall, Elternzeit und so weiter).
Was „gut behandelt“ heißen sollte, ist selbstverständlich von den jeweiligen persönlichen Lebensumständen und insbesondere den Bedürfnissen und Zielen des Mitarbeiters abhängig. Dennoch sind folgende Faktoren grundsätzlich einer Mitarbeiterbindung förderlich:
Ausreichendes Einkommen, betriebliche Absicherung (zum Beispiel bAV, bKV) und andere materielle Anreize müssen zwar gegeben sein, haben aber bei den meisten Vermittlern längst nicht die Bedeutung wie die genannten Punkte. Wenn Einkommen über ein bestimmtes Niveau hinaus wichtig ist, dann im Wesentlichen nur im Sinne eines Gradmessers des beruflichen Erfolgs.
Wenn diese Faktoren im Unternehmen grundsätzlich gegeben sind, kann es – zum Beispiel aufgrund privater Umstände, aufgrund von Problemen mit einzelnen Kollegen oder Vorgesetzten, aufgrund besonders lukrativer Angebote der Konkurrenz – dennoch vorkommen, dass ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt. Diese Mitarbeiter wieder zurück zu gewinnen, ist im Allgemeinen billiger und einfacher, als neue Mitarbeiter zu gewinnen und einzulernen.
Genau so wie zurück gewonnene Kunden sind diese Mitarbeiter dem Unternehmen treu. Durch entsprechende Rückkehranreize wie Wiedereingliederungshilfen (zum Beispiel Erstattung der Umzugskosten), Wiedergutmachung (bei erfahrenem Unrecht) oder Umorganisation kann man ehemalige Mitarbeiter wieder gewinnen – ein „beautiful exit“ vorausgesetzt, das heißt, dass der Mitarbeiter das Unternehmen nicht im Unfrieden verlässt.
Sieht man von glücklichen Zufällen ab, vom Qualifikationsprofil her passendes Personal über den Arbeitsmarkt oder durch Abwerbung zu erhalten, so hat man über den Ausbildungsweg die besten Chancen, an qualifiziertes und engagiertes Personal zu kommen – schließlich übernimmt ein Unternehmen selbst dafür den Hauptteil der Ausbildungsleistung und kann auf die Ausbildung und ihre Inhalte entsprechenden Einfluss nehmen. Dabei sollte folgendes beachtet werden: Um später gut ausgebildete, kompetente und engagierte Vermittler zu erhalten, sind drei Voraussetzungen notwendig:
Ein Ausbildungsweg, der alle drei Voraussetzungen erfüllt, sind die vertriebsorientierten Dualen Studiengängen. Dabei gibt es zwei grundsätzliche Varianten mit vergleichbarem fachlichem Niveau:
Dabei ist allerdings darauf zu achten, dass sich die Praxisorientierung des Studienprofils auch wirklich auf die Vertriebspraxis bezieht. Praxisorientierung kann auch die Orientierung an der Berufspraxis eines Innendienstmitarbeiters bedeuten. Wenn ein Unternehmen vertrieblich qualifizierte Hochschulabsolventen haben möchte, dann sollte dies im Studienplan verankert sein: Dort sollten vertriebsorientierte Fachmodule wie Verkaufstechnik, CRM, Rhetorik, Beratungsmethoden oder gar so etwas wie Business Etikette vorgegeben sein.
Ein PR-Prospekt eines Studienganges kann behaupten, was er will; maßgeblich ist immer der Studienplan. Schließlich sollte ein Unternehmen, das mit einem solchen Studiengang als Dualer Partner kooperieren will, darauf achten, welche Lehrbeauftragte im Studiengang unterrichten: Sind das eher aktuarwissenschaftlich kompetente Lehrbeauftragte oder stammen sie wirklich aus der Vertriebspraxis und „denken und fühlen“ wie ein Vertriebsmitarbeiter?
Mit Stellenangebote auf der eigenen Homepage sowie in Internet-Stellenbörsen konnten Bewerber am besten angesprochen werden. Die klassische Stellenanzeige in der Tageszeitung verliert allmählich ihre Wirkung und liegt vom Preis-Wirkungs-Verhältnis weit hinter den Internet-Anzeigen zurück – vor allem in dem stark boomenden Bereich Social Media (Facebook und so weiter). Schülerpraktika und Messen haben zwar nicht die Breiten- beziehungsweise Multiplikatorwirkung; dabei können allerdings geeignete Bewerber direkt und persönlich angesprochen werden – mit entsprechend höherer Erfolgsquote.
Vor allem bei vertriebsorientierten Studien- und Ausbildungsgängen ist das nach wie vor schlechte Berufsimage von Versicherungs- und Finanzvermittlern eine hohe Akzeptanzhürde für Bewerber – wie eine Untersuchung der Unternehmensberatung SMARTcompagnie im letzten Jahr eindrucksvoll gezeigt hat. Bei solchen Berufen versagen die klassischen Massenkommunikationsmedien, da es hierüber kaum möglich ist, das tatsächliche Berufsbild adäquat zu den Bewerbern zu transportieren und damit das Berufsklischee zu überwinden. Hier sind Rekrutierungsmethoden gefragt, die man im Marketing unter den Begriff „Guerillamarketing“ subsumieren würde – und die sich auch kleinere Vertriebsunternehmen leisten können:
Für erfolgreiche Gewinnung von Bewerbern für eine Ausbildung oder ein Studium gibt es kein Patentrezept – getreu dem Ausspruch von Thomas Alva Edison, dass Erfolg zu 99 Prozent Transpiration und zu 1 Prozent Inspiration sei, gilt es, sich kreativ, ständig und vielfältig um Bewerber zu bemühen. Denn nur dann ist die Chance da, dass man die Besten für den Vermittlerberuf gewinnen kann.
Ausbilden heißt, Risiken und Aufwand auf sich zu nehmen. Nicht ausbilden heißt aber, ungleich größere Risken und Aufwand auf sich zu nehmen. Letztlich ist das zwar eine Entscheidung, die jedes Unternehmen selbst treffen muss. Ausbildung ist jedoch eine Investition, die wie jede Investition kurzfristig weh tut, aber langfristig den Erfolg eines Unternehmens garantiert. Wobei langfristig immer kürzer wird – EU, Gesetzgeber und Markt werden garantiert dafür sorgen.
Hans Jürgen Ott ist Studiengangsleiter BWL-Versicherung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heidenheim und Berater und Beirat der Vereinigung zum Schutz für Anlageberater und Vermittler e.V. (VSAV).
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